Fachkräftemangel: Lösungen suchen - nicht Problem beklagen

Fachkräftemangel: Lösungen suchen - nicht Problem beklagen

In der heutigen Sitzung der Landschaftsversammlung Westfalen-Lippe verdeutlichte unsere Sprecherin für den Personalausschuss und stellvertretende Fraktionsvorsitzende Martina Schnell die Position der LWLSPD-Fraktion:


Wir lesen es nahezu täglich in der Zeitung.

Wir erleben es täglich im Alltag.

Und wir haben heute schon viel darüber gehört.

Personalmangel. Fachkräftemangel. Arbeitnehmenden-Mangel.

Im Blumenladen an der Ecke werden nur noch mittwochs Sträuße gebunden. Das Lieblingsrestaurant verkürzt die Öffnungszeiten. Die Kita-Gruppe wird geschlossen. Züge fahren nicht. Ein Termin beim Facharzt lässt Monate auf sich warten. Weil es niemanden gibt, der da ist, der die Arbeit erledigt.

Und man fragt sich, was passiert ist.

Wenn jemand wie ich in den sog. Babyboomer-Jahren geboren wurde, waren die Erfahrungen mal völlig andere.

Immer waren wir zu viele. Immer in Konkurrenz um zu wenige freie Stellen. Immer zu Höchstleistungen angetrieben.

Vieles hat sich seitdem verändert. Und man fragt sich auch, warum es nicht gelingt, die immer noch zu große Zahl an arbeitslosen und hilfebedürftigen Menschen in Arbeit zu bringen, die vielen offenen Stellen zu besetzen.

Der öffentliche Dienst kämpft wie kaum ein anderer Arbeitgeber.

Laut Handelsblatt vom 27. Januar 2023 fehlen im Jahre 2030 allein im öffentlichen Dienst 840.000 Arbeitskräfte.

Mit häufig starren Arbeitsbedingungen und Servicezeiten, mit Schichtdiensten und nicht verhandelbaren, starren Eingruppierungen und Tarifgehältern erlebt der öffentliche Dienst deutliche Wettbewerbsnachteile gegenüber anderen Arbeitgebern, trotz des immer noch „sicheren Jobs“ in einer Verwaltung.

Und auf der anderen Seite stehen fehlende Haushaltsmittel.

Die kommunale Familie – gerade in NRW, und hier besonders im Ruhrgebiet und vielen Städten – leidet seit Jahren unter Altschulden, hohen Sozialausgaben, maroder Infrastruktur, unterfinanziertem ÖPNV und fehlender Konnexität bei Landes- und Bundesvorgaben. Jahrelang wurde in den Verwaltungen gespart, wurde Personal eingespart, offene Stellen nicht besetzt und mit einem „KW-Vermerk“ gestrichen.

Jeder Bürger und jede Bürgerin erwartet aber einen funktionierenden öffentlichen Dienst, einen guten und schnellen Service, und der soll möglichst wenig kosten.

Wir, die LWLSPD, sind der Auffassung, dass funktionierende staatliche und kommunale Ebenen die Säulen unserer Demokratie sind.

Das ist nur dann gewährleistet, wenn der öffentliche Dienst auch über das notwendige Personal verfügt.

Unter unterbesetzten, nicht mehr hinreichend handlungsfähigen Verwaltungen leiden dann ganz besonders, auf den LWL bezogen, vor allem Menschen in der Eingliederungshilfe, für die eine funktionierende Verwaltung existentiell wichtig ist.

Leider ist der Arbeitnehmer:innen-Mangel auch beim LWL angekommen.

Und das nicht erst seit Kurzem. Erstmals aufmerksam wurden wir auf das Problem im technischen Bereich, es fehlten plötzlich Ingenieure und Ingenieurinnen, Techniker:innen, IT-Spezialisten.

Dann zunehmend Ärzte und Ärztinnen, Therapeutinnen. Doch dabei ist es nicht geblieben. Unbesetzte Stellen finden wir im gesamten Stellenplan des LWL, dazu kommen immer neue Aufgaben und damit einhergehend ein deutlich erhöhter Personalbedarf. Wir benötigen immer mehr Stellen, und schaffen es nicht, alle offenen Stellen zu besetzen.

An dieser Stelle ist es tatsächlich auch schon an der Zeit, Danke zu sagen.

Allen Beschäftigten des LWL Danke zu sagen.

Dafür, dass sie trotz ständig steigenden Arbeitsdrucks aufgrund

  • neuer Aufgaben,
  • fehlender oder ausgeschiedener Kolleginnen und Kollegen,
  • unbesetzter oder weggefallener Stellen und
  • zunehmender Arbeitsverdichtung
  • leiden

und dennoch weiter machen.

Für die Menschen in Westfalen-Lippe.

Für die vielen behinderten Menschen, für die Menschen in Kliniken, Wohnverbünden, Schulen, Jugendeinrichtungen und Museen. Für die Menschen, die den LWL und seine Beschäftigten - egal an welchem Arbeitsplatz - brauchen.

Ja es stimmt. Der heute schon vielfach beklagte Arbeitnehmer- und Fachkräftemangel ist beim LWL in allen Arbeitsbereichen spürbar geworden. Ist überall angekommen.

Es geht jetzt darum, die Beschäftigten zu halten. Und es geht darum, Neue zu finden.

Der demografische Faktor, die anstehenden Pensionierungen und Verrentungen der kommenden Jahre, und dazu die fehlenden Nachwuchskräfte, machen die Arbeit im LWL und für den LWL zunehmend schwerer.

Das Durchschnittsalter der LWL-Beschäftigten beträgt aktuell 44 Jahre.

Die geburtenstarken Jahrgänge gehen allmählich in den Ruhestand. Und mit ihnen ihr Fachwissen.

Der LWL unter Federführung von Landesdirektor a.D. Matthias Löb hat mit einem tragfähigen Demografiekonzept schon frühzeitig darauf reagiert.

Dieses Konzept muss im Fokus bleiben und weiterentwickelt werden.

Und als ob das allein nicht schon tragisch genug wäre, kommt schon bald das Jahr 2025, in dem das Hin und Her um G8 und G9 nun auch noch dazu führt, dass ein ganzer Abiturjahrgang ausfällt.

Neben den planbaren Altersaustritten ist zudem auch beim LWL eine hohe Fluktuation festzustellen, die Quote beträgt rund 10 %.

Auf ausgeschriebene Stellen gehen 65% weniger Bewerbungen ein, als es noch vor wenigen Jahren der Fall war. Und zur Wahrheit gehört leider auch, dass die Qualität der Bewerber:innen nachgelassen hat und fast jede zweite Ausschreibung erfolglos bleibt und wiederholt werden muss.

Für den LWL und die LWLSPD gilt es aber, nicht nur die Probleme aufzuzeigen, sondern weiterhin Lösungsstrategien zu fordern und zu entwickeln.

Der LWL ist auf einem guten Weg.

Wir als Politik sind dabei. Unterstützen. Fordern. Zeigen Wege auf.

Seit vielen Jahren fordern wir die deutliche Reduzierung von Befristungen bei Arbeitsverträgen, insbesondere gilt es sachgrundlose Befristungen möglichst zu vermeiden. Das ist seit vielen Jahren eine Kernforderung der LWLSPD.

Und tatsächlich ist es gelungen, den Befristungsanteil sehr deutlich zu senken.  

Eine weitere Forderung der LWLSPD betrifft die Schwierigkeiten unserer Auszubildenden und Studierenden, in Münster eine bezahlbare Wohnung zu finden. Seit unserer Anfrage im Jahre 2018 hat sich die Situation noch mehr verschärft. Erst am 24. Februar dieses Jahres hat sogar der WDR darüber berichtet und aufgezeigt, wie wichtig es ist, dass ein großer Arbeitgeber wie der LWL auch für fehlenden und zu teuren Wohnraum eine Lösung sucht und findet. Gezeigt wurde eine 3-Personen-WG von LWL-Auszubildenden, die ihre Dankbarkeit mit der Unterstützung durch den LWL deutlich zum Ausdruck gebracht haben. Aber 3 Plätze sind noch nicht genug. Auch dieses Thema werden wir als LWLSPD daher weiterverfolgen.

Die LWL SPD, unterstützt die Bemühungen der Verwaltungsspitze und des Personalrats, sich modernen Arbeitswelten zu öffnen.

 „New Work“ heißt es auf „Neudeutsch“.

Homeoffice, Desksharing, viele Teilzeitmodelle – die nahezu 49 % unserer Mitarbeitenden bereits wahrnehmen.  

Führen in Teilzeit und Führen aus dem Homeoffice gehören für zur Attraktivität eines Arbeitgebers dazu und sind auch beim LWL mittlerweile selbstverständlich.

Sabbatical, Gesundheitsangebote, Eingliederungsmanagement, Mobilitätsmanagement, Wissenstransfer und nicht zuletzt individuell abgestimmte Fortbildungsangebote tragen dazu bei, auch den LWL als attraktiven Arbeitgeber wahrzunehmen.

Politik hat den Neubau modernster Dienstgebäude beschlossen. Das bedeutet modernste Technik im Arbeitsalltag und natürlich modernste Büroausstattung. Der LWL ist bereit, dafür viel Geld in die Hand zu nehmen.

Trotz aller Fortschritte dürfen wir aber eines nicht vergessen: der Fachkräfte-, der Arbeitnehmermangel trifft unsere Beschäftigten nicht nur hier, im Job beim und für den LWL, sondern auch privat. Und leider – und auch das muss heute gesagt werden – überproportional häufig Frauen. Sie verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit.

Der Fachkräftemangel im Sozial- und Gesundheitsbereich verschärft Elternprobleme. Und sehr häufig Mütter-Probleme.

Fehlendes Kita-Personal und fehlende OGS-Plätze, die trotz des Rechtsanspruchs bestehen und absehbar bestehen werden, treffen sehr häufig die Mitarbeiterinnen des LWL besonders schwer. Dasselbe gilt für die schwierige Versorgung unserer alternden Angehörigen aufgrund der fehlenden Fachkräfte in der Pflege.

Viele Frauen sind gefangen in der Sandwichposition zwischen Kindererziehung auf der einen und Angehörigenpflege auf der anderen Seite. Und sie sind es, die meistens – wenn mittlerweile aber auch nicht nur - zurückstecken. Mit Arbeitszeitreduzierung oder plötzlich notwendigem Einsatz von Urlaubstagen und Gleitzeitguthaben oder auch nur mit Kinderkrankenscheinen. Und dann schon wieder fehlen.

Zum Glück ist der LWL ein Arbeitgeber, der weiter und situativ nach Lösungen sucht. Gemeinsam mit den Beschäftigten, mit dem Personalrat, dem Referat für Gleichstellung und mit der Politik.

Wir als LWLSPD sind dabei!

Denn: Der LWL ist trotz allem ein attraktiver Arbeitgeber und er muss es auch bleiben. Und er muss noch besser werden, um dem Arbeitnehmermangel wirksam begegnen zu können.

Für die Menschen in Westfalen-Lippe.

Denn wie sagte schon Willy Brandt:

Nichts kommt von selbst und nur wenig ist von Dauer.
Darum besinnt euch auf eure Kraft
und darauf, dass jede Zeit ihre eigenen Antworten braucht.